Schweizer Kreuzfahrtmarkt im Stillstand: Warum die Nachbarn boomen und wir nicht
Die Kreuzfahrtbranche erlebt weltweit einen beeindruckenden Aufschwung. Im Jahr 2024 lag das Passagieraufkommen bei rund 34,6 Millionen, bevor es bis 2025 auf historische 37,2 Millionen Gäste anstieg – ein Wachstum von etwa 7,5 Prozent innerhalb eines Jahres. Auch Deutschland verzeichnete einen starken Zuwachs von sogar 10 Prozent, von 2,574 Millionen auf 2,832 Millionen Passagiere. Österreich konnte ebenfalls ein Wachstum von 3,5 Prozent verzeichnen. Doch die Schweiz bildet hier eine Ausnahme: Die Zahl der Kreuzfahrtpassagiere sank von 111’000 im Jahr 2024 auf 106’000 im letzten Jahr, was einem Rückgang von 4 Prozent entspricht. Vor der Pandemie lag das Niveau der Schweizer Kreuzfahrtpassagiere sogar bei 140’000. Warum stagniert der Schweizer Kreuzfahrtmarkt, während die Nachbarländer wachsen? Wir haben Schweizer Kreuzfahrtexpertinnen und -experten gefragt und präsentieren zudem einen Kommentar von Kreuzfahrt-Blogger Hans Stieger.
Rückgang in der Schweiz trotz Wachstum in Nachbarländern
Während Deutschland und Österreich im Jahr 2025 ein Wachstum im Kreuzfahrtmarkt verzeichnen konnten, zeigt die Schweiz einen Rückgang. Die Gründe dafür sind vielfältig und werden von Branchenkennerinnen und -kennern unterschiedlich bewertet.
Cornelia Gemperle (Kuoni Cruises) erklärt: „Ja, es ist ein Phänomen, dass der Schweizer Kreuzfahrtmarkt sich nicht wie die Nachbarländer positiv entwickelt. Die Zahlen, welche der Markt bis zur Pandemie hatte, sind noch in weiter Ferne und es ist schwierig zu verstehen, warum wir hier so eine Insel sind. Quasi alle Länder in Europa sind bereits wieder auf dem Niveau oder erzielen sogar Rekordzahlen. Wir beobachten, dass der Schweizer oft Ferien im eigenen oder Nachbarland vorzieht und die Natur geniessen möchte. Ebenso entwickelte sich ein Trend zu Camperferien.“
Dario Cremona (Cremona Cruises) ergänzt: „Der Schweizer Kreuzfahrtmarkt unterscheidet sich in mehreren Punkten von den Nachbarmärkten Deutschland und Österreich. Einerseits beobachten wir, dass das Thema Nachhaltigkeit in der Schweiz besonders stark diskutiert wird. Gerade im Bereich Kreuzfahrten bestehen teilweise noch Vorbehalte hinsichtlich Umwelt- und Klimafragen. Die Branche hat in den vergangenen Jahren zwar grosse Fortschritte erzielt, diese werden jedoch aus unserer Sicht noch nicht ausreichend kommuniziert.
Ein weiterer Faktor ist die Sichtbarkeit der Kreuzfahrtanbieter im Schweizer Markt. Während früher zahlreiche Reedereien an grossen Publikumsmessen wie der Ferienmesse Bern oder FESPO präsent waren, hat diese Präsenz in den letzten Jahren deutlich abgenommen. Dadurch fehlen wichtige Kontaktpunkte, um neue Zielgruppen für das Produkt Kreuzfahrt zu begeistern.
Zudem setzen viele Anbieter nach wie vor stark auf klassische Marketingkanäle. Um jüngere und neue Kundensegmente zu erreichen, braucht es jedoch eine breitere und modernere Ansprache. Die Vielfalt und die Vorteile einer Kreuzfahrt – etwa die Kombination aus Komfort, Erlebnis und dem Besuch mehrerer Destinationen innerhalb einer Reise – werden heute oftmals noch zu wenig aktiv kommuniziert.“
Kreuzfahrtmarkt Schweiz wird durch Reedereien vernachlässigt
Joel Lendenmann (Cruise-Expert) sieht weitere Gründe: „Aus meiner Sicht gibt es mehrere mögliche Erklärungsansätze. Zum einen ist die Schweiz als Binnenland traditionell weniger stark mit dem Thema Kreuzfahrt verbunden als Länder mit direktem Zugang zum Meer. Die Anreise zu den Häfen ist häufig mit zusätzlichem Aufwand verbunden, was die Entscheidung für eine Kreuzfahrt beeinflussen kann.
Zum anderen beobachten wir seit einigen Jahren eine Veränderung im Buchungsverhalten vieler Kundinnen und Kunden. Statt jährlich zu verreisen, entscheiden sich viele Reisende bewusst für längere oder hochwertigere Kreuzfahrten und investieren vermehrt in Balkonkabinen, Suiten oder exklusive Bereiche wie den MSC Yacht Club. Dadurch sinkt zwar unter Umständen die Anzahl der Reisen, nicht aber zwingend die Gesamtausgaben für Ferien. Gleichzeitig bleibt die Nachfrage nach Kreuzfahrten in der Schweiz grundsätzlich intakt. Besonders erfreulich ist, dass wir auch bei jüngeren Zielgruppen zwischen 20 und 30 Jahren ein wachsendes Interesse feststellen.“
Marcel Meek (e-hoi Schweiz) ergänzt kritisch: „Ganz überraschend ist diese Entwicklung eigentlich nicht. Seit Corona hat sich die Schweiz nur sehr langsam entwickelt. Hauptgrund dürfte die Vernachlässigung des Marktes durch die Reedereien sein. Ausserhalb der Werbung der Reisebüros gibt es nur sehr wenig Werbung direkt durch die Reedereien. Lokale Präsenz ist auch eher eine Seltenheit. Wenn man dies mit dem Umstand kombiniert, dass Herr und Frau Schweizer keine ‚natürlichen‘ Seefahrer sind, überrascht es wenig, dass der Markt sich nur schleppend erholt.“
Persönliche und fundierte Beratung im Mittelpunkt
Wie können Reedereien die Nachfrage in der Schweiz wieder steigern? Und welche Initiativen setzen die Schweizer Kreuzfahrt-Expertinnen und -Experten um?
Marcel Meek (e-hoi Schweiz): „Aus meiner Sicht müssten die Reedereien wieder selber mehr Präsenz zeigen im Schweizer Markt. Neben klassischer Werbung ist entscheidend, dass mit Hilfe von PR Arbeit am Image von Kreuzfahrten gearbeitet wird. Diese zwei Themen spielen grundsätzlich zusammen, es braucht aber am Schluss das Investment der Reedereien. e-hoi – und ich würde behaupten alle anderen Schweizer Reisebüros auch – machen aktuell was möglich ist, um das Thema Kreuzfahrten den Schweizern näherzubringen. Dies reicht aber leider offensichtlich nicht aus, um das Potential des Marktes auszuschöpfen.“
Joel Lendenmann (Cruise-Expert): „Für Cruise Expert steht insbesondere die persönliche und fundierte Beratung im Mittelpunkt. Unser Ziel ist es, für jede Kundin und jeden Kunden das passende Schiff und die passende Reederei zu finden. Denn die Unterschiede zwischen den einzelnen Kreuzfahrtmarken sind erheblich. Wer auf einem Schiff reist, das nicht zu den eigenen Erwartungen passt, kommt möglicherweise zum Schluss, dass Kreuzfahrten generell nicht die richtige Ferienform sind. Auf einer anderen Reederei hätte dieselbe Person jedoch unter Umständen eine vollkommen andere Erfahrung gemacht.“
Fokus auf sogenannten ‚New-to-Cruise‘-Kundinnen und -Kunden
Dario Cremona (Cremona Cruises): „Die hohe Kaufkraft, die grosse Reiseaffinität und die Loyalität vieler Kundinnen und Kunden bieten weiterhin erhebliches Potenzial. Deshalb wäre es aus unserer Sicht wichtig, wieder stärker in den Schweizer Markt zu investieren – beispielsweise durch eine erhöhte Präsenz an Publikumsmessen, Kundenveranstaltungen oder grösseren regionalen Events.
Bei Cremona Cruises setzen wir gezielt auf eine Kombination aus persönlicher Beratung und digitaler Reichweite. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf sogenannten ‚New-to-Cruise‘-Kundinnen und -Kunden, die bisher noch keine Kreuzfahrt gemacht haben. Diese erreichen wir verstärkt über digitale Kanäle wie Instagram und TikTok sowie durch ausgewählte TV-Massnahmen.“
Cornelia Gemperle (Kuoni Cruises): „Für uns ist wichtig Präsenz zu zeigen und die Vielfalt an Bord und die Vorteile einer Kreuzfahrt zu erklären. Die Preise sind aktuell sehr attraktiv – da müsste eigentlich einiges an Buchungen reinpurzeln. Aber… ja, das Buchungsverhalten ist ja bekanntlich zur Zeit verhalten. Geopolitisch aber auch wirtschaftlich sind da bei den Kunden Bedenken. Da helfen dann auch die tiefen Preise nur beschränkt weiter. Ich beobachte, dass in Reisebüros teils das Wissen fehlt, die Berater in der Vielfalt überfordert sind. Da erbitte ich die Reedereien, das Angebot an Leistungspaketen einfach, verständlich zu halten und die Pakete nicht halbjährlich zu verändern. Das würde dann sicherlich auch helfen, dass in den Büros Kreuzfahrten auch wieder proaktiver als Ferienvorschlag angepriesen würde.“
Mit mehr Engagement wieder auf Erfolgskurs
Der Schweizer Kreuzfahrtmarkt zeigt sich im Vergleich zu den Nachbarländern noch nicht vollständig erholt. Die Gründe liegen in einer Kombination aus veränderten Reisepräferenzen, einer stärkeren Diskussion um Nachhaltigkeit, geringer Präsenz der Reedereien im Schweizer Markt und einem veränderten Buchungsverhalten. Experten sind sich einig, dass eine stärkere Präsenz, moderne Marketingansätze und eine bessere Kommunikation der Vorteile von Kreuzfahrten notwendig sind, um das Wachstum in der Schweiz wieder anzukurbeln.
Die Branche steht vor der Herausforderung, die Schweizerinnen und Schweizer für die Vielfalt und den Komfort von Kreuzfahrten zu begeistern – und dabei auch jüngere Zielgruppen zu erreichen. Mit gezielten Maßnahmen und mehr Engagement könnte der Schweizer Kreuzfahrtmarkt in den kommenden Jahren wieder auf Erfolgskurs kommen.
Kommentar von Kreuzfahrt-Blogger Hans Stieger:
Schweizer Kreuzfahrtmarkt im Dornröschenschlaf – Zeit zum Aufwachen!
Die aktuellen Zahlen sind ernüchternd und auch für einen Schweizer Kreuzfahrt-Blogger alles andere als erfreulich. Vor Corona reisten noch über 140’000 Schweizerinnen und Schweizer auf Kreuzfahrten – heute dümpelt der Markt mit 106’000 Passagieren vor sich hin, während die Nachbarländer Deutschland und Österreich kräftig wachsen. Warum? Die Antwort ist klar und leider ernüchternd: Die Reedereien ignorieren die Schweiz weitgehend.
Abgesehen von MSC Cruises, die mit Hauptsitz in Genf und einer starken Mannschaft in Zürich eine Ausnahme bilden, sind die grossen Player praktisch unsichtbar. Costa und AIDA haben ihre Teams in Zürich schon vor Jahren abgezogen, TUI Cruises mit Mein Schiff, Celebrity Cruises oder Royal Caribbean sind im Schweizer Markt kaum präsent. Wer soll da noch Lust auf Kreuzfahrten bekommen, wenn kaum jemand das Produkt überhaupt richtig zeigt und bewirbt?
Während in Deutschland Costa mit TV-Moderator Giovanni Zarrella und Norwegian Cruise Line mit Let’s Dance-Star Motsi Mabuse werben, herrscht in der Schweiz Werbeflaute – null Präsenz, null Leidenschaft. Die Ferienmessen spiegeln dieses Bild wider: In Bern war keine einzige Reederei mit eigenem Stand vertreten, in Zürich zwar etwas besser, doch wichtige Player wie AIDA, TUI und Royal Caribbean fehlten komplett. Kein Wunder, dass viele Schweizerinnen und Schweizer lieber im eigenen Land bleiben oder Camperferien machen.
Das ist nicht nur schade, sondern ein klares Versäumnis der Reedereien. Der Schweizer Markt mag klein sein, aber er ist lukrativ und voller Potenzial. Es braucht dringend mehr Marketing- und Werbegelder, mehr Präsenz und vor allem eine klare Kommunikation der Vorzüge von Kreuzfahrten: Spitzenküche, Wellness, Entertainment, ruhige Rückzugsorte und nicht zu vergessen die Vollpension. Welche andere Ferienform bietet so viel für so wenig Geld?
Mein Appell an die Reedereien lautet deshalb: Wacht auf und investiert in die Schweiz! Zeigt den Menschen hier, wie vielfältig, komfortabel und unvergesslich Kreuzfahrten sein können. Wenn das nicht gelingt, wird die Schweiz weiterhin ein blasser Schatten im europäischen Kreuzfahrtgeschäft bleiben – und das wäre ein grosser Verlust für alle, die das Meer und das Reisen lieben.

Kein Aufwärtstrend im Schweizer Kreuzfahrt Markt













